Andrea Breth, Tankred Dorst u.v.a.

 

INHALT

Jedermänner- eine Ausstellung

Andrea Breth im Gespräch

Tankred Dorst im Gespräch

Fritz Kater oder Armin Patras

Alle Jedermänner

 

Nach 1978 im Schloss Arenberg und 1990 im Kleinen Festspielhaus wird in diesem Sommer neuerlich eine reich bestückte Ausstellung über den "Jedermann" geboten. "Von Moissi bis Simonischek" ist der Untertitel für die Schau im Salzburger Museum Carolino Augusteum. Günter Verdin

Selbst ein Bert Brecht lief beim Versuch, einen Ersatz für den stets umjubelten und stets angezweifelten "Jedermann" zu finden, zu literarischen Untiefen auf. Im Jahr 1949 sagte er Gottfried von Einem, damals Mitglied der Festspiel-Leitung, einen "Salzburger Totentanz" zu. In einem Brief vom Mai 1949 schildert Brecht sein Konzept: "Kontrakt des Kaisers mit dem Tod, im kommenden Krieg die Opfer zu begrenzen und ihn und seine Nächsten zu verschonen, wenn sie das vereinbarte Zeichen machten. Vergessen des Zeichens durch den vielbeschäftigten Tod. Moral: Mit dem Tod kann man keine Geschäfte machen." Als Honorar wünschte der aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrte staatenlose Dichter die österreichische Staatsbürgerschaft. Brecht knittelte darauf los. In einer Textprobe - nachzulesen in einer der Vitrinen der Jedermann-Ausstellung im Salzburger Museum Carolino Augusteum (bis 26. Oktober) - lässt Brecht seinen Tod "mit asthmatischen Atembeschwerden" über seine Allergie gegen den schnöden Mammon reflektieren. Dieses rührende Dokument lässt ahnen, dass der Bühne nicht viel entgangen ist. Der Text wurde nicht vollendet, Brecht bekam dennoch 1950 seinen österreichischen Pass. Ein köstliches Passfoto aus dem Atelier Robert Traub ist ebenso in einer Vitrine zu sehen.

Auch spätere Versuche, das Sterben des reichen Mannes zu erneuern, sind fehlgeschlagen. Am energischsten hat sich Peter Stein für eine Alternative zum oft als bigott kritisierten Stück Hofmannsthals eingesetzt. Peter Handke, Botho Strauß und Hans Magnus Enzensberger lehnten ab.

Gisela Prossnitz, Kuratorin der vom Direktor des SMCA, Erich Marx, initiierten Ausstellung, ist nicht nur Wissenschafterin, sondern sie hat auch komödiantisches Gespür. Deswegen hält sich die Ausstellung nur am Rande mit der Theorie auf und führt hinein ins pralle Leben des reichen Mannes. Auf einem Laufsteg paradieren in einer stummen Modeschau die fantasievollen Kostüme, die Jorge Jara für die Inszenierung von 1990 entworfen hat.

 

Sonderbeilagen / 24.07.2004 / Print

 

PLAYING WITH PEOPLE

Andrea Breth stages "Das weite Land" by Arthur Schnitzler

 

When the stage director Andrea Breth takes on a play, she tries to really get to the bottom of it. One critic, describing her time at the Schauspielhaus in Bochum, said that she takes an “alienated view” of a play. Arthur Schnitzler was never alien to her. After breaking off her studies of German language and literature in Heidelberg and a period of assisting on productions in the city theatre there, Breth staged Liebelei in the 1970s in Bremen. She says about Schnitzler, “From a very early age he moved me in a way I cannot describe so precisely, not only his plays, also the stories and novels. Perhaps it was the feeling of somehow being at home. Schnitzler’s diagnostic view of people, of what is inexplicable in the psyche, interested me right from the beginning.
I didn’t want to study German, I wanted to be a psychoanalyst. And now I am something of a fatal mixture between the two.”



Relationships are created

For the rehearsal period this means quite specifically that many questions are asked. “Not theoretically but while the actors are acting. Little by little things become clearer, biographies and attitudes are created. The Undiscovered Country is a play with a lot of characters. Even if they say nothing to one another in the play, they have a relationship with each other. This is what we discuss and I call that constant common psychoanalysis. The actors tell a story together and each of them has to know what is to be told. This ensemble is what I call my Vienna Philharmonic because I think it is absolutely wonderful when the triangle is also important and all the entries must come on time! No one thinks, “I only have a small role. Everyone says, “I am a person in this story.”
One asks oneself: what is the point actually?

“It was not easy to rehearse this play. It takes a lot of substance out of you; I was not the only one to feel this but the whole ensemble. One just manages to avoid falling into a depression. I feel the mood of the play corresponds exactly to the present. This fun and amusement society that constantly plunges into emptiness; speculations, all the business on the stock exchange. One asks oneself, what is the point actually? There is no longer anything to hold onto.
There is no faith any more, no real conviction so what do we still have? Love? Apparently not even that, or perhaps concepts that have connotations with the Third Reich such as fidelity or truthfulness, honour, friendship? Everything is put out of joint so to speak, all the things one has built up. And, like Erna says in the play, ‘we too plunge boldly into the darkness’.”

Reality instead of the stage

“The so-called Schnitzler tone that is celebrated as it were like icing over the whole thing is not a tone of voice but a question of thinking. And a question of the sub-texts. What is behind them, why does someone say a certain thing? What does he conceal, what does he really mean? Here Schnitzler is in the tradition of Chekhov, without Chekhov there would be no Schnitzler.”
Andrea Breth’s aim: “I would like the audience not to even notice that it is a staging. For me it would be ideal if the public were to think, ‘that’s exactly it!’”

Günter Verdin

The German version of this article appeared on 27 July 2002 in the Festival supplement of the Salzburger Nachrichten.

 

TANKRED DORST Theater im Kopf
24. Juli 2004

So wie Henry Purcell den Stoff des König Arthur zu einerOper verarbeitet hat, hat Tankred Dorst ein Stück darübergeschrieben, das erstmals ungekürzt vorgetragen wird. Günter Verdin

Im deutschen Feuilleton (FAZ) wird zurzeit die "Entstückung" des Theaters beklagt, weil immer mehr Regisseure durch eigene Dramatisierung von Literatur und Filmvorlagen die Stückeschreiber an den Rand der Spielpläne drängten. Einer der produktivsten Dramatiker deutscher Sprache, Tankred Dorst, hat sich in seiner "Botschaft zum Welttheatertag 2003" längst auf die Seite der Theatermacher gestellt: "Theater ist eine unreine Kunst, darin liegt seine vitale Kraft. Ohne Hemmung benutzt es alles, was ihm im Wege steht. Es wird seinen Prinzipien ständig untreu. Selbstverständlich schielt es nach den Moden der Zeit, holt sich Bilder aus anderen Medien."

Tankred Dorst, der einige Klassiker des Nachkriegstheaters wie "Große Schmährede an der Stadtmauer (1961), "Toller, Szenen einer deutschen Revolution" (1968) oder "Ich, Feuerbach" (1986) verfasst hat, arbeitet meist multimedial: zunächst mit Marionetten, dann schrieb er Drehbücher für Film und Fernsehen, er bearbeitete Romane wie "Kleiner Mann, was nun?" von Hans Fallada, und er wirkte an der Realisierung der von ihm übersetzten und bearbeiteten Stücke von Diderot und Molière mit.

Wie er mit seinem weißen Lockenhaupt in seiner hellen Wohnung in München-Schwabing sitzt, erinnert er an einen Magier. Dem Zauberer Merlin hat er 1980 ein monumentales Denkmal gesetzt: "Merlin oder Das wüste Land." Dorst gestaltet Merlin als spannungsgeladene Figur. Er ist als Sohn des Teufels zum Bösen bestimmt und motiviert doch König Artus und seine Tafelrunde zur Utopie einer besseren Welt.

Seit zwanzig Jahren sieht sich der Autor mit diesem Stück immer wieder konfrontiert: "Das Stück ist vielschichtig, es ist kompliziert", erläutert er im SN-Gespräch. "Es ist nicht leicht zu kürzen ohne Verluste im Beziehungsgeflecht."

Peter Zadek habe ihn ermuntert, den englischen Stoff um König Arthur zu lesen. Doch: "Ich konnte damit nichts anfangen, mit all den Turnieren und Helden." Nach oberflächlicher Kenntnis der Geschichte habe er diese nach seinen Interessen sortiert und dies zu einem großen Werk zusammengestellt. "Das Stück will die Welt als Ganzes zeigen." Dazu gehöre auch Gewalt. Da er ahnte, dass das Stück wegen der Fülle des verarbeiteten Materials nicht aufführbar sein würde, habe er sich für "ein Theater im Kopf" entschieden. Denn: "Man kann die Geschichte um Merlin nicht in realistische Dialoge auffächern."

Die erste Fassung hatte 400 Seiten. Die Uraufführung fand 1981 in Düsseldorf statt, in der Regie von Jaroslav Chundela. Diese Aufführung dauerte - mit zwei großen Pausen - von 14 bis 23 Uhr. Mittlerweile wurde das Stück über sechzig Mal inszeniert. "Das Stück ist aktueller denn je", erläutert Tankred Dorst. "Es handelt vom Ende der Utopie, das ist aber nur ein Thema des Stücks, aber ein durchgehendes Motiv, das vor allem bei Aufführungen im Ostblock betont wurde."

In voller Länge ist das Stück noch nie aufgeführt worden. Die Salzburger Festspiele und ihr Schauspieldirektor, Jürgen Flimm, planen, das ungekürzte Werk in einer Lesung Gestalt werden zu lassen.

Der Dramatiker Dorst, ständig auf der Suche nach neuen Talenten, wird im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe unter dem Motto "Anfänge" vier junge Dramatiker aus Berlin und München vorstellen, deren Werke noch nicht aufgeführt worden sind. "Es geht um die Schwierigkeit und die Lust des Anfangs. Wie setzt sich Fantasie fest?" Eine Autorin hat über Pubertätsproblematik und Schülerselbstmord geschrieben. Ein junger Mann hat zwei Monologe ineinander verflochten, den einer alten Frau und den eines Mannes, der Schwierigkeiten habe, eine Frau zu finden. Ein Autor hat ein Stück über die Intellektuellen in der Frühromantik geschrieben, die sich permanent selbst reflektieren. Und der jüngste der vier Dramatiker führt uns in eine geschlossene Anstalt, in der wir der gealterten Ulrike Meinhof begegnen.

Tankred Dorst plant, im Herbst zwei, vielleicht drei Stücke zu schreiben. Im August erscheint seine Erzählung "Der schöne Ort". Im September folgt das Stück "Purcells Traum von König Artus". Dazu sagt Dorst: "Purcells Werk ist ja eine Semi-Opera. Ich habe das Schauspiel neu geschrieben. Mich interessiert der Kampf der Angeln gegen die Sachsen überhaupt nicht. Bei mir findet der Kampf statt zwischen dem Restpersonal aus Purcells Opera und einer Investorengesellschaft, die das alte Opernhaus in ein Einkaufszentrum umwandeln will."

 

 

 

 

 

 

"zeit zu lieben..."
26. Juli 2003

 

 

 

 

 

Mülheimer Theaterpreis für Fritz Kater

 

 

Fritz Kater meldet sich nicht. Man könnte wohl annehmen, dass einer, der in diesem Jahr den Mülheimer Dramatikerpreis für sein Stück "zeit zu lieben zeit zu sterben" erhalten hat, ein Interview nach dem nächsten gibt und sich in Literatursendungen bekannt macht. Nicht so Fritz Kater. Gut, seine Biographie hat er verlautbart: Kater wurde 1966 in Bad Kleinen (Mecklenburg-Vorpommern) geboren, machte in Ost-Berlin das Abitur, abgeschlossene Lehre als Fernsehmechaniker. Arbeit mit Theatergruppen im kirchlichen Bereich. 1987 Ausreise in die die Bundesrepublik. Gelegenheitsjobs. 1990 Rückkehr nach Berlin. Seitdem schreibt er auch Stücke. Kater ist verheiratet und hat drei Kinder. Seine Stücke werden vorwiegend von Armin Petras inszeniert. Auch der hat eine Biographie: geboren in Westdeutschland, in Meschede, 1962, 1969 Umsiedlung mit den Eltern in die DDR, Beginn der Theaterarbeit. 1988 Rückkehr in die Bundesrepublik. Zahlreiche Inszenierungen, u.a. für das Hamburger Thalia-Theater und das Schauspiel Frankfurt. Kater und Petras haben gemeinsam, dass sie mitten in der Verarbeitung der jüngsten deutschen Vergangenheit stecken. Der Publikumserfolg von Filmen wie Leander Haußmanns "Sonnenallee" oder jüngst Wolfgang Beckers "Good Bye, Lenin" beweist, dass im Wende-Deutschland noch immer nicht Normalität eingekehrt ist.

Über die Wende-Verlierer hat Kater schon "Fight City.Vineta" als ersten Teil einer Trilogie verfasst. Der zweite Teil ist "zeit zu lieben zeit zu sterben". Mit dem dritten Teil ist im Herbst dieses Jahres zu rechnen. "zeit zu lieben zeit zu sterben" setzt die Dramen-Konvention ausser Kraft. Eher ist das ein Drehbuch, und Kater weist ja auch darauf hin, dass er seine Sprachhandlung der Erinnerungsfetzen "frei nach motiven des films ,time stands still' von peter gothar" verfasst hat. Das Stück ist ein Dreiteiler. Teil A, überschrieben mit "eine jugend/chor" ist eine Rückblende auf die Jugendzeit in der DDR in Form einer rhythmisierten Ich-Erzählung: die Themen sind wohl universal für Jugendliche: Schule, Gruppenbildung, Freundschaft, Liebe, Sex, Saufen. Kater schreibt alles klein und ohne Satzzeichen. Der Regisseur Petras hält sich daran, dass es keine Rollenzuteilung gibt und lässt die Darsteller mal einzeln, mal im Chor sprechen.

Im Teil B gibt es Rollen, allerdings ebensowenig eine sprachliche Differenzierung. Der Inhalt ist eine Familiengeschichte vor der Wende. Fluchtgedanken, ein politischer Gefangener kehrt heim, er wird nie wieder selber denken wollen. Erkenntnis eines Jugendlichen: "die sind doch alle tot auch wenn sie wache stehn vorn ist das paradies man muss nur mehr davon verlangen" Der dritte Teil ist mit "ende" und "eine liebe" überschrieben. Kater schildert in novellistischer Form eine Ost-West-Liebe im vereinten Deutschland. Kein Happy-End: "der planet war erloschen".

Armin Petras hat das Stück für das Hamburger Thalia-Theater im Vorjahr als Comedy inszeniert. Nun ist es auch bei den Salzburger Festspielen zu sehen. Es ist anzunehmen, dass Fritz Kater einverstanden ist. Fritz Kater ist Armin Petras (was dieser immer noch eifrig bestreitet!). Fritz Kater, Armin Petras und "zeit zu lieben zeit zu sterben": das ist die wundersame Geschichte einer geografischen Teilung und biografischen Verdoppelung. GÜNTER VERDIN