INHALT Goethe - Das Kind, an und für sich betrachtet Verdin: Was macht der Wald im Wald - ein Ferienkrimi
Vorerst: GOETHE - DAS KIND ,AN UND FÜR SICH BETRACHTET Wer wäre im Stande von der Fülle der Kindheit würdig zu sprechen! Wir können die kleinen Geschöpfe, die vor uns herum wandeln, nicht anders als mit Vergnügen, ja mit Bewunderung ansehen: denn meist versprechen sie mehr als sie halten, und es scheint als wenn die Natur unter anderen schelmischen Streichen, dei sie uns spielt, auch hier sich ganz besonders vorgesetzt, uns zum Besten zu haben. Die ersten Organe, die sie Kindern mit auf die Welt gibt, sind dem nächsten unmittelbaren Zustande des Geschöpfs gemäß;es bedient sich derselben kunst- und anspruchslos, auf die geschickteste Weise zu den nächsten Zwecken. Das Kind, an und für sich betrachtet, mit seines Gleichen und in Beziehungen die seinen Kräften angemessen sind, scheint so verständig, so vernünftig, daß nichts drüber geht, und zugleich so bequem, heiter und gewandt, daß man keine weitere Bildung für dasselbe wünschen möchte. Wüchsen die Kinder in der Art fort, wie sie sich andeuten, so hätten wir lauter Genies.
Was macht der Wald im Wald?Ein Ferien-Krimi von Günter Verdin
Der Bürgermeister des kleinen Dorfes im Waldviertel hält eine Ansichtskarte in der Hand und betrachtet sie wehmütig. „So hat einmal unser Dorfplatz ausgesehen,“ sagt er zu Alexander, seinem Sohn. „Alle Häuser waren mit Blumen geschmückt, ein einladendes Gasthaus neben dem anderen, und hier war der Greißler, bei dem die Touristen gerne Obst eingekauft haben. Das war einmal ein Dorf wie…“, der Bürgermeister sucht nach Worten; Moment, jetzt hat er sie: „…wie eine Ansichtskarte !“ Der Bürgermeister legt den Arm um die Schultern seines Sohnes und blickt mit ihm aus dem Fenster der Gemeindestube. „Na ja, die Kirche haben sie noch im Dorf gelassen,“ seufzt er. „Und der Brunnen steht auch noch. Das Schulhaus haben wir hübsch renoviert. Die Gaststätten gibt es nicht mehr, der Greißler hat sein Geschäft auch aufgeben müssen. Die Fassaden der Häuser sehen schrecklich aus: der Putz bröckelt, die Fensterscheiben sind dreckig, manche sind eingeschlagen...“ Der Bürgermeister nimmt einen Feldstecher und peilt das windschiefe Dach eines der hässlichen Häuser an. In der Dachrinne nistet ein Amselpaar. „Ja, ja,“ seufzt der Bürgermeister, „euch gefällt es überall, nur die Touristen bleiben aus.“ „Ich werde niemals Bürgermeister,“ sagt Alexander sehr überzeugend. Im Schulhaus ist Elternabend. Der letzte vor den Sommerferien. Die Eltern sind ratlos. Nicht wegen der mehr oder weniger schlechten Noten in den Zeugnissen. „Was ist denn bloß in unsere Kinder gefahren? Es kann doch nicht sein, dass alle plötzlich so vergesslich sind? “ Nun, alle, das ist ein bisschen übertrieben. Aber merkwürdig ist die Sache schon. Sechs Buben haben in der letzten Woche ihr Handy verloren. Alles Suchen hilft nichts; die Handys sind weg... Deswegen gibt Alexander jetzt besonders gut auf sein Handy Acht. Gerade bekommt er eine rätselhafte SMS: „Morgen um 2 Uhr bei der Blockhütte im Wald! Und kein Wort zu irgendjemandem! Sonst passiert was!“ Das Ganze natürlich ohne Absender. Auch die Rufnummer des Verfassers der Nachricht ist nicht zu sehen. Aber: Erstens lässt sich Alexander nicht einschüchtern. Und zweitens wittert er ein Abenteuer. Drittens weiht er seine besten Freunde Hans und Peter ein. Am nächsten Tag steigt Alexander zur Blockhütte auf. Hans und Peter sind auf Nebenpfaden schon vorweg geschlichen, um die Lage zu erkunden und eventuell einzugreifen, wenn es gefährlich werden sollte. Alexander wird von zwei Jungen erwartet, die er nicht kennt und die um Etliches älter sind als er; also mindestens zwei, drei Jahre! „Wir verbinden dir jetzt die Augen,“ knurrt der eine Junge gefährlich. „Und keinen Laut, ja? Widerstand ist zwecklos“, flüstert der andere. Im Wald ruft ein Kuckuck. Das vereinbarte Zeichen: Alexander weiß, dass Hans und Peter ganz in der Nähe sind. Als Alexander die Augenbinde wieder abgenommen wird, steht er in einem dunklen Raum, der modrig riecht. Zwei Kerzen brennen, und in ihrem Schein erkennt Alexander mehrere Gestalten. In der Mitte des Raums sitzt, nein, thront ein auffallend großer Junge, der seine Augen hinter Sonnenbrillen verbirgt. „So ein Angeber! Spielt den Boss!“ denkt Alexander. Laut sagt er aber gespielt cool: „Schön habt ihr es hier. Und was soll das Ganze?“ Die zwei Bewacher geben ihm einen Schubs, so dass er beinahe dem Langen vor die Füße fällt. Der gebietet den beiden Rabiaten mit einer unwirschen Handbewegung Einhalt. „Die Sache ist ganz einfach. Du bist ab jetzt unter unserem Schutz. Dafür lieferst du uns wöchentlich dein Taschengeld ab. Die Anzahlung bekommen wir sofort.“ Auf ein weiteres Zeichen vom Sonnenbebrillten holen die beiden Wächter ein paar Euro aus der Hosentasche von Alexander. „Und das Handy gehört uns jetzt auch!“ sagt der „Boss“. „Und dass eines klar ist: keine Polizei, kein Sterbenswörtchen zu anderen, wenn dir dein Leben lieb ist!“ Das Leben ist Alexander schon lieb, das Taschengeld und sein Handy natürlich auch. „Woher habt ihr eigentlich meine Handy- Nummer?“ fragt Alexander kühn. Der „Boss“ mit der Sonnenbrille lacht höhnisch. „Da, schau einmal!“ Mit einer flotten Handbewegung weist er auf den Holztisch, auf dem etliche Handys liegen. Er singt, ohne einen Ton zu treffen: „Handy und Gretel verirrten sich im Wald...“ Großes Gelächter. Dann wieder der „Boss“: „Die Handys haben uns deine Mitschüler geschenkt. Und da ist natürlich auch deine Nummer gespeichert. Und damit Tschüss!“ Alexander wird mit verbundenen Augen ins Freie befördert. Er findet sich vor der Blockhütte wieder. Alexander läuft nach Hause. Er weiß, dass Hans und Peter noch ein bisschen Detektiv spielen... Großer Kriegsrat im Zimmer von Alexander. Die halbe Klasse ist bei ihm versammelt. Nach und nach rückt ein Mitschüler nach dem anderen ziemlich verängstigt damit heraus, dass auch er erpresst wird. Hans und Peter, die noch stundenlang bei der Blockhütte auf der Lauer gelegen haben, berichten: „Die Hütte wird vpm zwei Jungen bewacht. Die anderen sind abgezogen. Das sind Leute aus dem Nachbardorf! Wir müssen sofort den Gendarmen verständigen!“ „Moment,“ sagt Alexander, „wir wollen die Sache unter uns ausmachen. Vielleicht sollten wir denen noch eine Chance geben. In einer Woche werde ich ihnen auf jeden Fall mein Taschengeld abliefern. Dann sollen die aber auch gleich Lehrgeld zahlen!“ Eine Woche ist vergangen. Die Blockhütte im Wald steht da und weiß nicht wie ihr geschieht. Die zwei „Wächter“ dösen vor dem Eingang. Das Dickicht um die Blockhütte herum scheint noch dichter geworden zu sein. Merkwürdig, dort bewegt sich ein Busch, hier wackel ein Strauch, und jetzt beginnt auch noch ein kleiner Tannenbaum zu wandern. Was macht der Wald im Wald? Ein Kuckuck ruft. Alexander wird von den beiden Wächtern in Empfang genommen. Gerade wollen sie ihm die Augen verbinden, als von überall her die Gebüsche heran rücken. Und hervor springen, leise, leise, Alexanders Mitschüler, mindestens zwanzig. Die Wächter werden so schnell überwältigt, dass sie keinen Laut von sich geben können. Hans und Peter nehmen sich die T-Shirts der beiden. Alexander lässt sich nun zum Schein die Augen verbinden. Er wird von Hans und Peter, die sich als „Wächter“ verkleidet haben, in das Innere der Blockhütte geführt. Es geht durch zwei Türen und dann eine knarrende Stiege abwärts. Hans und Peter nehmen Alexander die Augenbinde ab und stoßen ihn in den dunklen Raum. Im Kerzenschimmer sieht Alexander die „Gang“ vom Nachbardorf, heute in kleiner Besetzung. Insgesamt sind schemenhaft fünf Jungen auszumachen. Und in der Mitte thront wieder der sonnenbebrillte Lange, der„Boss“. „Na, wie viel Taschengeld gibt es denn heute?“ fragt der Anführer. „20 Euro,“ sagt Alexander leise. „Das ist zu wenig!“, teilt der „Boss“ entschieden mit. „Das nächste Mal muss es mindestens das Doppelte sein!“ „Es gibt kein nächstes Mal,“ sagt Alexander fröhlich. Und in diesem Moment stürmen seine Mitschüler herein. Sie sind in der Überzahl, und die Mitglieder der „Gang“ ergeben sich einsichtig in ihr Schicksal. Alexander führt die Verhandlung: „Ihr wisst, dass die Sache gelaufen ist. Wir könnten euch der Polizei übergeben. Und ihr ahnt sicher, was das für euch bedeutet. Erpressung ist ein schweres Delikt. Euer Leben ist ruiniert. Aber: wir sind ja in keinem Kriminalroman, wo es nur schlechte und gute Menschen gibt. Wir sind ja im richtigen Leben, und da hat jeder auch ein Motiv, wenn er etwas Böses tut. Also, Sonnenbrille runter! Auf zum Geständnis!“ Der „Boss“ wusste sofort, dass er gemeint war. Hinter der Sonnenbrille kam ein harmloses Bubengesicht zum Vorschein. Und die Stimme klang plötzlich auch nicht mehr besonders Furcht einflößend. Die Eltern seien ins Nachbardorf gezogen, berichtete der auf Bubenmaß zurückgestutzte, immer noch ziemlich lange „Boss“ leise, der Vater habe keine Arbeit gefunden, und von den Dorfbewohnern seien sie auch als Außenseiter behandelt worden. Die anderen konnten Ähnliches erzählen. „Auf diese Weise gewinnt man doch keine Anerkennung!“ sagte Alexander. „Wir zeigen euch nicht bei der Polizei an. Dafür müsst ihr sofort das erpresste Geld zurückzahlen. Und die Handys zurückgeben. Und eine Entschuldigung bei jedem, den ihr erpresst habt, ist natürlich auch fällig. Das ist aber noch nicht alles! Jetzt kommt die eigentliche Strafe...“ Alexander hatte da einen Plan. Der hatte mit dem Dorfplatz zu tun, der nicht mehr wie die Ansichtskarte von früher aussah. Die Eltern kommen aus dem Staunen nicht heraus. Plötzlich findet ein Kind nach dem anderen sein Handy wieder. Und mehrere Jugendliche aus dem Nachbardorf reißen sich förmlich darum, den Marktplatz zu reinigen, die Balkone mit Blumen zu schmücken, die Rasenbeete zu pflegen, und bei den Renovierungsarbeiten mit Hand anzulegen... Der Bürgermeister steht am Fenster der Gemeindestube. Der Marktplatz strahlt in neuem Glanz. Die Fassaden der alten Häuser sind frisch gestrichen, die Fenstersimse sind blumengeschmückt. „Gut, dass wir uns nicht erpressen haben lassen“, sagt der Bürgermeister. „Was meinst du damit?“, fragt Alexander. „Die Häuser“, antwortet ihm der Vater, „gehören alle einem Mann, der in der Stadt wohnt. Unser Dorf ist ihm ziemlich gleichgültig. er wollte die schönen alten Häuser verfallen lassen, um an ihrer Stelle Neubauten errichten zu können. Dafür hätte er mehr Geld bekommen als für die alten Gebäude. Die Gemeinde selbst hat nicht soviel Geld, um ihm die Häuser abzukaufen: er hat bei den Verhandlungen immer mehr Geld von uns gefordert. Das Gericht hat jetzt die Sache für unser Dorf und sein Ortsbild entschieden. Der Besizter muss die Häuser in den ursprünglichen Zustand versetzten und von Grund auf sanieren. Dabei haben ihn ja deine Freunde aus dem Nachbardorf großartig unterstützt!“ „Von wegen Freunde!“, dachte Alexander, „oder vielleicht in Zukunft doch? Die erpressen bestimmt niemanden mehr. Und möglicherweise werde ich doch einmal Bürgermeister…“ Der Marktplatz liegt da – schön wie auf der Ansichtskarte. Die Touristen fotografieren wie verrückt. Und die Amseln haben Junge bekommen...
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